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Donnerstag, 9. Februar, 10:25 Uhr. Rucksäcke werden zusammengepackt, Jacken angezogen und die Klassenzimmer der elften Jahrgangsstufe leeren sich. Nach ein paar Minuten erreichen wir die Brechtbühne, in der wir eine Inszenierung von Goethes Faust zu sehen bekommen sollten. Die Erwartungen an diese Inszenierung beruhten auf der Gustaf Gründgens-Verfilmung, welche wir gemeinsam im Unterricht angeschaut hatten. Doch diese sollten nicht bestätigt werden.

Nachdem jeder einen Sitzplatz gefunden hatte, begann die Einführung in das Stück. Bereits ab diesem Zeitpunkt begannen sich die Geister zu scheiden. Denn eine bunte Plüschfigur hieß das Publikum in englischer Sprache mit hörbar amerikanischem Akzent willkommen. Es folgte eine kurze politische Satire über den neuen US-Präsidenten Donald Trump, die einige Zuschauer als durchaus gelungen, andere als völlig deplatziert bewerteten. In jedem Fall stand hier fest: Nein, das wird kein klassischer Faust wie von Gustaf Gründgens. Nach dem Exkurs in das aktuelle Weltgeschehen begann die eigentliche Vorführung, welche den Zuschauern sehr vielseitige Aspekte bot. Es war ein Spiel aus theatralischen Gestaltungsmitteln, stark gewürzt mit Abstraktheit und abgeschmeckt mit einer großzügigen Menge Ironie. Doch die große Frage, die uns danach beschäftigte, war, ob dieses Faust'sche Curry tatsächlich wohl gewürzt war. Eine gewisse Schärfe wurde der Aufführung durch die im Hintergrund zu den Schauspielern synchron mitlaufende Gründgens-Verfilmung verliehen. Durch den großen technischen Aufwand und diverse kreative Elemente präsentierte man eine sehr moderne Version des Stückes. Zudem sorgten die eingebauten Interviews von Gustaf Gründgens und der Schauspielerin von Gretchen in der Gründgens-Verfilmung, die zu den Hauptcharakteren zählt, für eine erhebliche Auflockerung der Urhandlung und die bereits angesprochene Abstraktheit. Diese wurde durch die Umsetzung der einzelnen Szenen verstärkt. Das lässt sich an dem Beispiel der Walpurgisnacht leicht erläutern. Die größte Differenz zur Inszenierung lag bei der Anzahl der beteiligten Schauspieler. In der Gustaf Gründgens-Verfilmung zählte diese Szene an die hundert Schauspieler. Unsere Inszenierung zählte genau einen Schauspieler, nämlich die bunte Plüschfigur. Zudem gab er das Gesagte aus der Verfilmung nicht wortgetreu wieder, sondern veränderte es in einen nicht verständlichen Kauderwelsch. Auch das typische offene Umbauen - also ohne Vorhang und während des Spielens - , das im heutigem Theater als standardisiertes theatralisches Gestaltungsmittel angesehen wird, beherzigten sie zu jeder Sekunde.

Die Evaluation unseres Deutschkurses ergab ein sehr differenziertes Meinungsbild. Während ein Drittel die moderne Art der Inszenierung viel zu stark gewürzt fand, sah das zweite Drittel diese als höchst gelungen an. Die Personen, die sich dem verbleibenden Drittel anschlossen, betrachteten die Vorstellung zwar kritisch, konnten ihr aber auch einiges Positives abgewinnen. Einig waren sich jedoch alle. Die schauspielerische Leistung der Akteure ist sehr zu würdigen, da sie an nahezu jeder Stelle komplett synchron mit dem Film verschmolzen. Am Ende der Veranstaltung wurde zudem verkündet, dass, sollte es eine Verfilmung dessen geben, auch eine Aufführung des zweiten Teils von Goethes Faust in Augsburg geplant ist. Man darf also gespannt sein, wie die Umsetzung diesmal erfolgen wird.

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